Keynote von Herrn Generalkonsul YU Yong bei „Executive BRICS Dialogue“
2026/07/15

Guten Tag! 

Es ist mir eine große Ehre, auf Einladung des Bundesverband Auswandererberatung und Außenwirtschaftsförderung (BVAA e.V.) an dessen Sommerempfang in Düsseldorf teilzunehmen und eine Keynote zu halten. Im Jahr 2027 wird China den Vorsitz der BRICS-Staaten übernehmen. Vor diesem Hintergrund möchte ich – ausgehend vom Thema dieses Dialogs und aus der gemeinsamen Perspektive Chinas und der BRICS-Länder – meine Einschätzungen zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Europas sowie zu den Aussichten für beiderseitige Investitionen und Zusammenarbeit darlegen.

Die heutige Welt befindet sich in einer entscheidenden Phase, in der der Wandel des Jahrhunderts sich rasant beschleunigt. Geopolitische Konflikte beeinträchtigen fortwährend die globale Ordnung; Protektionismus und Unilateralismus gewinnen an Boden; die globalen Industrie-, Liefer- und Innovationsketten stehen unter anhaltendem Druck. Die vielfältigen Belastungen durch grünen Wandel, Regelneuordnung und geopolitische Risiken überlagern sich und machen den Weg der globalen wirtschaftlichen Erholung zunehmend schwieriger. Unsicherheit ist zur größten Herausforderung für die globale Wirtschaft geworden, während Gewissheit zur raresten Ressource avanciert ist. Daher möchte ich mit Ihnen über folgende Aspekte sprechen:

I. China begegnet den vier globalen Defiziten mit vier großen Initiativen

Alle gegenwärtigen Widersprüche und Ängste in der Welt haben ihren tiefsten Ursprung in den sich ständig vertiefenden vier strukturellen Defiziten – dem Entwicklungsdefizit, dem Sicherheitsdefizit, dem Governance-Defizit und dem zivilisatorischen Defizit. Dies sind epochale Herausforderungen, denen die gesamte Menschheit und die globale Wirtschaft gegenüberstehen – nicht etwa ein isoliertes Problem einer einzelnen Region oder Volkswirtschaft.

Erstens: Das Entwicklungsdefizit wird immer deutlicher sichtbar. Die globale Erholung ist schwach, und die Ungleichgewichte in der Entwicklung bestehen seit Langem fort. Die Kohlenstoffneutralität ist zur gemeinsamen Aufgabe der gesamten Menschheit geworden. Europa hat bei der grünen Energiewende eine Vorreiterrolle übernommen und hohe Umstellungskosten getragen. Auch Chinas verarbeitende Industrie hat Billionenbeträge in die kohlenstoffarme Modernisierung der gesamten Wertschöpfungskette investiert. In diesem Prozess belasten fragmentierte, differenzierte und exklusive regionale Regelungen objektiv die Transformationslast der globalen Realwirtschaft.

Zweitens: Das Sicherheitsdefizit nimmt weiter zu. Geopolitische Unsicherheiten erschüttern die globalen industriellen Kreisläufe tiefgreifend. Energie, Rohstoffe, kritische Komponenten und grenzüberschreitende Logistiksysteme unterliegen häufigen Schwankungen; alle globalen Unternehmen tragen die externen Kosten der geopolitischen Auseinandersetzungen. Eine stabile, reibungslose und von Vertrauen getragene Zusammenarbeit in den Industrieketten ist heute zur wertvollsten Ressource für die weltweite Wirtschaft geworden.

Drittens: Das Governance-Defizit vergrößert sich kontinuierlich. Die traditionellen internationalen Regeln können der heutigen vielfältigen Entwicklung nicht mehr gerecht werden. Der bestehende internationale politische und wirtschaftliche Ordnungsrahmen leidet unter mangelnder Repräsentativität und unzureichender Inklusivität. Er vermag die berechtigten Anliegen der entwickelten und der Entwicklungsländer nicht gleichermaßen zu berücksichtigen, was zu mehr Handelskonflikten, größeren Regelungsdifferenzen und einem eingeengten Kooperationsraum führt.

Viertens: Das zivilisatorische Defizit ist objektiv vorhanden. Unterschiede in Entwicklungswegen, Industriemodellen und Governance-Konzepten werden allzu oft vereinfacht etikettiert, polarisiert oder übermäßig politisiert bzw. sicherheitspolitisch aufgeladen, was einseitige Narrative und kognitive Verzerrungen hervorbringt. Vor diesem Hintergrund wird in Teilen der europäischen Öffentlichkeit sogar die These von einem „China-Schock 2.0“ vertreten, die den strukturellen Anpassungsdruck der europäischen Industrie vereinfachend auf Chinas industriellen Aufstieg zurückführt. Wir sind der Auffassung, dass dies der tatsächlichen Marktlogik nicht entspricht. Der industrielle Aufstieg Chinas ist kein Schock, sondern eine „China Opportunity 2.0“ – ein positiver, für beide Seiten gewinnbringender und epochaler Zugewinn, der aus der weiteren Arbeitsteilung im Zuge der Globalisierung erwächst. Chinas vollständiges Industriesystem, seine kontinuierlichen Innovationsinvestitionen, der riesige Binnenmarkt und das offene, kollaborative F&E-Umfeld haben stets dazu beigetragen, die Kosten für weltweit tätige Unternehmen zu senken, ihre Effizienz zu steigern, ihre Märkte zu erweitern und Innovation zu fördern – und damit der globalen Konjunkturerholung Stabilität und Wachstumsdynamik zu verleihen.

Angesichts dieser vier globalen Defizite hat sich China nicht für Abschottung, Selbstschutz oder Konfrontation entschieden, sondern der Weltgemeinschaft das Konzept einer Gemeinschaft mit geteilter Zukunft für die Menschheit sowie die vier großen Initiativen – zur Entwicklung, zur Sicherheit, zur Zivilisation und zur Governance – vorgeschlagen, um ein umfassendes, offenes, öffentliches und inklusives Paket globaler Governance-Lösungen zu bieten. Global Development Initiative zielt darauf ab, Entwicklungshürden zu überwinden und eine ausgewogene, grüne globale Entwicklung zu koordinieren. Global Security Initiative setzt sich für die Ablehnung von Blockkonfrontation und für den Schutz der gemeinsamen Sicherheit der globalen Industrieketten ein. Global Civilization Initiative will Gräben zwischen Zivilisationen überbrücken und eine Polarisierung entlang ideologischer Linien ablehnen. Global Governance Initiative setzt sich für gerechtere Regeln, ein inklusiveres System und ausgewogenere Ordnungsstrukturen ein. Die vier großen Initiativen Chinas sind kein geopolitisches Instrument, sondern ein öffentliches Gut für die gesamte Menschheit. Sie stehen in hohem Einklang mit den von Europa vertretenen Prinzipien des Multilateralismus, des freien Handels und der nachhaltigen Entwicklung – und verfolgen die gleiche Richtung.

Dieses Jahr ist das erste Jahr des 15. Fünfjahresplans Chinas und zugleich das Jahr des 105. Jahrestags der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas. Vor Kurzem nahm Premierminister Li Qiang am Forum „Sommer-Davos“ 2026 in Dalian teil und hielt eine bedeutende Rede, in der er die wirtschaftliche Entwicklung Chinas mit den vier Worten „Stabilität, Neuheit, Dynamik und Integration“ zusammenfasste und der globalen Wirtschaft klare Signale der fortgesetzten Öffnung und des beiderseitigen Gewinns aussandte. Die in China langjährig engagierten deutschen Unternehmen wissen dies am besten: China ist längst nicht mehr nur ein kostengünstiger Produktionsstandort, sondern ein globales Zentrum für Innovationskooperation, ein strategischer Dreh- und Angelpunkt im asiatisch-pazifischen Raum und ein langfristig attraktives Investitionsziel.

Was konkrete Fragen der Handelszusammenarbeit betrifft – wie Regelungsunterschiede, politische Divergenzen sowie von deutschen Unternehmen thematisierte Anliegen zu Exportkontrollen, Handelsbilanz, geistigem Eigentum, Marktöffnung, digitaler Sicherheit, kritischen Mineralien, Finanzierungsinstrumenten und Erleichterungen bei der Einreise –, so legt China darauf stets großen Wert und bleibt dem Dialog, dem gegenseitigen Respekt vor den Anliegen des anderen und der Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner verpflichtet. Vor Kurzem haben der chinesische Handelsminister Wang Wentao und die EU während seines Besuchs in Brüssel beschlossen, einen Handels- und Investitionskonsultationsmechanismus einzurichten, der bereits zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen ist. China und Deutschland haben vereinbart, im Rahmen des gemeinsamen Wirtschaftsausschusses eine Arbeitsgruppe für Handels- und Investitionsfragen sowie eine Arbeitsgruppe für industrielle Zusammenarbeit zu bilden. Damit stehen für China, die EU und Deutschland ausgereifte und effektive Dialogplattformen zur Verfügung, um Differenzen beizulegen und die Erwartungsstabilität zu sichern. Auch das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf steht Unternehmen aus NRW gerne für Unterstützung und Hilfe bei konkreten Schwierigkeiten und Herausforderungen in ihren Investitionen und Kooperationen mit China zur Verfügung.

II. China und die BRICS-Staaten haben volles Verständnis für die gegenwärtigen Transformationsschmerzen Europas

Aus der gemeinsamen Perspektive Chinas und der BRICS-Staaten verfolgen wir mit großer Aufmerksamkeit und vollem Verständnis die gegenwärtigen phasenweisen Schwierigkeiten und den Transformationsdruck, denen deutsche und europäische Unternehmen ausgesetzt sind. Europa leidet seit Langem unter zahlreichen internen Herausforderungen: strukturelle Reformen sind schwierig durchzusetzen, die Energielandschaft verändert sich grundlegend, die Inflation ist hoch, die Lebenshaltungskosten steigen, das Wachstum der heimischen Märkte verlangsamt sich, und die Markterwartungen bleiben insgesamt vorsichtig. Hinzu kommt externer Druck aus verschiedenen Richtungen. Jede entwickelte Volkswirtschaft durchläuft in Phasen des Strukturwandels, der grünen Transformation und der globalen Neuordnung gewisse Transformationsschmerzen – das ist ein objektives Gesetz der wirtschaftlichen Entwicklung und nicht das Ergebnis eines einzigen externen Faktors. Erforderlich ist ein ganzheitlicher Ansatz, insbesondere die aktive Förderung innerer Reformen. Publikationen wie The Economist weisen darauf hin, dass die Arbeitslosenzahlen im Industriesektor bei europäischen Politikern „politische Panik“ auslösen. Politiker verpacken einen „Handelskrieg“ als Verteidigung Europas, doch die Rechnung wird letztendlich den europäischen Unternehmen und Haushalten zugestellt. Jede Lösung, die komplexe innenpolitische Probleme auf einfache Konfrontation reduziert oder auf externe Sündenböcke abwälzt, ist nicht zielführend und stellt keinen echten Problemlösungsansatz dar.

Gleichzeitig sehen wir, dass viele europäische und deutsche Unternehmen ihre Aktivitäten in China und anderen aufstrebenden BRICS-Märkten ausbauen. Das „Deutschland im Ausland“ und das „Europa im Ausland“ wachsen beständig. Dies ist eine rein marktwirtschaftliche, rationale und risikodiversifizierende globale Strategieanpassung – eine korrekte unternehmerische Entscheidung auf der Grundlage von Kosten, Lieferketten und Marktperspektiven. China und die BRICS-Staaten begrüßen dies ausdrücklich. Derzeit erweitern mehr als 60 % der in China tätigen deutschen Unternehmen ihre Produktion und Investitionen kontinuierlich. Konzerne wie Volkswagen und BASF verstärken ihre F&E- und Produktionskapazitäten vor Ort – ein deutlicher Beweis dafür, dass deutsche Unternehmen mit ihrem Kapitaleinsatz für den chinesischen Markt, die Chancen in China und den langfristigen Kooperationswert stimmen. Gleichzeitig bauen oder planen chinesische Hightech-Unternehmen wie Chery, CATL und SAIC Motor Werke in Spanien, was das Wirtschaftswachstum Spaniens innerhalb der EU überdurchschnittlich antreibt und zu einem neuen Modell der beiderseitig vorteilhaften Zusammenarbeit zwischen China und Europa wird. Vor Kurzem hat das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die Übernahme des europäischen Elektronik-Einzelhandelskonzerns Ceconomy durch JD.com genehmigt – ein weiterer Meilenstein für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen China, Deutschland und Europa.

China bleibt überzeugt, dass die Neuausrichtung der globalen Wirtschaftsordnung und -struktur keine Krise darstellt, sondern eine neue Chance für eine ausgewogenere, inklusivere und gerechtere Weltwirtschaft. Chinas industrieller Aufstieg und die zunehmende Bedeutung der großen BRICS-Entwicklungsmärkte zielen einzig auf das gleichberechtigte Entwicklungsrecht, faire Regeln und angemessenes Mitspracherecht ab – nicht darauf, bestehende ausgereifte Systeme zu stürzen oder entwickelte Volkswirtschaften zu ersetzen.

III. Betrachten Sie China und die BRICS-Staaten rational – gestalten Sie die Zukunft gemeinsam durch Konsultation, gemeinsamen Aufbau und gemeinsamen Nutzen

Die erweiterte BRICS-Gruppe besteht aus 11 Staaten, die fast die Hälfte der Weltbevölkerung, ein Drittel der Landfläche und rund 30 % des globalen BIP repräsentieren. Sie ist längst nicht mehr nur ein Zusammenschluss aufstrebender Volkswirtschaften, sondern vereint einen riesigen Konsummarkt, vollständige Industrieketten, reichhaltige Energie- und Mineralressourcen sowie vielfältige landwirtschaftliche Potenziale. Damit ist sie eine entscheidende und strategische Kraft für die Ausgewogenheit und Diversifizierung der globalen Arbeitsteilung. Derzeit haben zahlreiche weitere Länder offiziell einen Beitrittsantrag zu den BRICS gestellt. Deutschland und Europa sind bedeutende Ursprungsregionen für hochwertige Ausrüstungen, High-End-Fertigung und grüne Technologien. Sie halten weltweit bedeutende Marktanteile in Luftfahrt, Präzisionsinstrumenten, Halbleiterausrüstung, Sensorik und vielen anderen Bereichen und geben bei sieben Zehntel der Normen für allgemeine Industrietechnologien den Ton an. Diese technologischen Vorteile, das angesammelte Know-how und die kommerziellen Vermögenswerte werden langfristig bestehen bleiben.

China und alle BRICS-Staaten bekennen sich entschlossen zum internationalen System mit den Vereinten Nationen im Kern und zum multilateralen Handelssystem auf der Grundlage der WTO-Regeln. Daher sind wir der Auffassung, dass die Zusammenarbeit zwischen China, den BRICS-Staaten und Deutschland sowie zwischen China, den BRICS-Staaten und europäischen Unternehmen über folgende langfristige Vorteile verfügt:

Erstens: Hohe komplementäre Strukturen der Industriesysteme. Europa ist stark bei Hochtechnologie, Präzisionsausrüstung und grünen Standards; China glänzt durch vollständige Industrieketten, großflächige industrielle Umsetzung und einen riesigen Konsummarkt; die BRICS-Staaten bieten breite Endmärkte und vielfältige Ressourcenausstattungen. Diese drei Seiten bilden eine sich ergänzende und verknüpfte Konstellation – ohne gegenseitige Verdrängung oder Substitution. Die breiten BRICS-Schwellenmärkte können kontinuierlich deutsche Spitzentechnologie, Ausrüstungen und grüne Produktionskapazitäten aufnehmen und sind damit ein neues Blaues Meer für die Globalisierung europäischer Unternehmen. Deutsche Hochtechnologie + Chinas vollständige Wertschöpfungsketten + die globalen Zuwachsmärkte der BRICS-Staaten – diese Formel kann einen geschlossenen Industriekreislauf von F&E über Produktion bis hin zu Konsum und grünem Wandel schaffen, der gemeinsam globalen Konjunkturrisiken standhält.

Zweitens: Große Übereinstimmung der Entwicklungskonzepte. Die von China und den BRICS-Staaten vertretenen Forderungen nach fairer Governance laufen in dieselbe Richtung wie das Streben europäischer und deutscher Unternehmen nach einem multilateralen, ausgewogenen Handelsumfeld und strategischer Autonomie. Alle Seiten lehnen einseitige Handelshemmnisse, unangemessene Beschränkungen und Regelungs-Arbitrarität ab und erwarten gleichermaßen freien Welthandel, transparente Regeln und offene Märkte. Die konsensuale Basis ist solide.

Drittens: Langfristige Interessen sind eng miteinander verflochten. Die BRICS-Erweiterung dient dazu, das globale Governance-Defizit zu verringern, die Repräsentativität der Entwicklungsländer zu stärken und die globalen Regeln gerechter und ausgewogener zu gestalten. Der gesamte institutionelle Aufbau richtet sich weder gegen Europa noch Deutschland, noch gegen irgendein entwickeltes Land. China und die BRICS-Staaten wünschen Europa von Herzen Stabilität, Wohlstand und eine voll verwirklichte strategische Autonomie. Ein stabiles, starkes und wohlhabendes Europa ist eine tragende Kraft der Multipolarität und zugleich unser langfristig verlässlicher, beiderseits vorteilhafter strategischer Partner.

Deshalb hege ich die aufrichtige Hoffnung, dass China, Europa und die BRICS-Staaten auf dem Fundament eines langfristigen Denkens den Trend des Zeitgeschehens aufgreifen, die pragmatische industrielle Zusammenarbeit vertiefen und gemeinsam eine gerechtere, ausgewogenere und wohlhabendere neue globale Wirtschaftsordnung schaffen – und damit der Stabilität der eurasischen Region und der globalen Konjunkturerholung eine dauerhafte, solide Entwicklungsgewissheit verleihen.

Danke!


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