Am 12. Oktober veröffentlichte die Aachener Zeitung unter dem Titel „Wir möchten als Partner auftreten – offen, ehrlich und freundlich“ ein exklusives Interview ihres Chefredakteurs Thomas Thelen mit dem chinesischen Generalkonsul Yu Yong. Nachfolgend die Volltextübersetzung:

„Wir möchten als Partner auftreten – offen, ehrlich und freundlich“
Der chinesische Generalkonsul Yu Yong erklärt, warum er sich für eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit Nordrhein-Westfalen einsetzt, was er an Deutschland schätzt und weshalb er die Sorgen vieler Deutscher bezüglich Chinas nur teilweise teilt.
Für Generalkonsul Yu Yong besitzt Nordrhein-Westfalen eine ganz besondere Bedeutung. Wenn die Rede auf China kommt, gibt es selten Zwischentöne: Die einen sehen darin den wichtigsten Markt der Zukunft, die anderen vor allem einen strategischen Rivalen. Auch in NRW schwankt die Debatte zwischen diesen beiden Polen. Im Gespräch mit Thomas Thelen plädiert Generalkonsul Yu Yong für eine gestärkte Kooperation in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Handel, Wissenschaft und Bildung. Zwar sieht er die bestehenden Herausforderungen, betont jedoch, warum Deutschland nach wie vor ein außerordentlich starkes Land ist.
Frage: Herr Generalkonsul, Sie loben NRW als einen wichtigen Partner Chinas. Gleichzeitig wächst in Deutschland die Sorge vor einer wirtschaftlichen Abhängigkeit von China. Warum sollte NRW die Zusammenarbeit weiter vertiefen, statt sich unabhängiger aufzustellen?
Antwort: Nordrhein-Westfalen nimmt in den bilateralen Beziehungen zwischen China und Deutschland einen besonderen Stellenwert ein. Das Land ist ein Zentrum für Hochtechnologie, grüne Energie sowie Zukunftsindustrien und bildet einen zentralen Knotenpunkt der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit. Meines Erachtens ist wirtschaftliche Kooperation niemals eine Einbahnstraße; beide Seiten profitieren davon.
Auf dem Fundament unserer bisherigen guten Beziehungen sehe ich bei der Zusammenarbeit zwischen China und NRW noch enormer Potenziale in drei Kernbereichen: Erstens die Konsolidierung traditioneller Branchen wie Automobilbau, Maschinenbau und Chemie/Pharma. Zweitens die Aktivierung synergetischer Innovationen zwischen Wissenschaft und Industrie zur Beschleunigung des Technologietransfers. NRW verfügt mit Institutionen wie der RWTH Aachen über exzellente Hochschulen – entscheidend ist hierbei die Umwandlung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte mit wirtschaftlicher Wertschöpfung. Auch China befasst sich intensiv mit dieser Fragestellung. Drittens der Ausbau der Kooperation in Zukunftsindustrien zur gemeinsamen Bewältigung globaler Herausforderungen. NRW investiert massiv in Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Kernfusion und die Energiewende. China hat seinerseits große Fortschritte in den Bereichen KI und Robotik erzielt. Wenn beide Seiten ihre jeweiligen Stärken ausspielen, entsteht eine klassische Win-win-Situation.
Frage: Künstliche Intelligenz gilt als die Schlüsseltechnologie der Zukunft. China investiert enorm in diesen Sektor. Westliche Kritiker befürchten jedoch, dass KI bei unsachgemäßem Einsatz zu stark in das Leben der Bürger eingreift und Schaden anrichtet. Wie begegnen Sie diesen Bedenken?
Antwort: China und Europa teilen einen breiten Konsens bezüglich der Governance von Künstlicher Intelligenz. Verantwortungsvoll eingesetzt, ist KI ein mächtiges Werkzeug zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und zum gesellschaftlichen Fortschritt. Globale Akteure wie China, die USA und Europa tragen hierbei eine besondere Verantwortung. Im Juli dieses Jahres fand in China die World AI Conference & High-Level Meeting on Global AI Governance statt, bei der 29 Staaten das Abkommen zur Gründung der World AI Cooperation Organization unterzeichneten. Wir sind überzeugt, dass KI nicht die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vergrößern darf, sondern als öffentliches Gut der gesamten Menschheit zugutekommen muss, anstatt eine Bedrohung darzustellen.
China betrachtet KI stets als öffentliches Gut zur Steigerung des Wohlergehens der Bevölkerung und zur Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen. Die Entwicklung muss dabei klaren Prinzipien wie Datenschutz, Transparenz, Erklärbarkeit und Rückverfolgbarkeit folgen. Vorwürfe bezüglich eines angeblichen Missbrauchs von KI durch China entspringen mitunter ideologischen Vorurteilen. China nimmt die Sicherheitsrisiken von KI außerordentlich ernst. Ein Missbrauch schadet nicht nur den Rechten des Einzelnen, sondern bedroht auch die nationale Sicherheit – etwa durch Falschinformationen, soziale Instabilität oder kriminelle Aktivitäten. Wir müssen diesen Risiken mit hoher Wachsamkeit begegnen, gleichzeitig aber anerkennen, dass jede technologische Revolution Chancen und Herausforderungen birgt. Der Schlüssel liegt in der Regulierung und Kontrolle.
Frage: Wie nehmen Sie Deutschland wahr? Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?
Antwort: Jedes Land besitzt seine eigenen Stärken und Herausforderungen. Die Menschen in NRW sind offen, tolerant und gastfreundlich; das soziale und natürliche Umfeld ist sehr angenehm. Für mich ist es die erste diplomatische Station in Europa, was meinen Horizont erweitert hat. Ich habe viel über die deutsche Geschichte und Kultur gelernt.
Besonders beeindruckt hat mich, wie Deutschland nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg einen so erfolgreichen Wiederaufbau geleistet hat. Auch China hat Phasen schwieriger Neuanfänge durchlebt. Diese gemeinsame Erfahrung bildet eine wichtige Grundlage für gegenseitiges Verständnis.
Frage: Die RWTH Aachen arbeitet eng mit chinesischen Universitäten zusammen. Gleichzeitig warnen Wissenschaftler vor Risiken beim Technologietransfer. Können Sie diese Sorgen nachvollziehen?
Antwort: Wer über Aachen spricht, muss über Bildung und Forschung sprechen. Das deutsche Hochschulsystem ist hochmodern und zeichnet sich durch eine enge Verknüpfung von Theorie und Praxis aus, was international als Vorbild gilt. Die Ausbildung ist direkt auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet, ebenso wie das duale Ausbildungssystem.
Die RWTH Aachen nimmt hierbei eine herausragende Stellung ein. Tausende chinesische Studierende lernen dort, und es bestehen enge Partnerschaften mit führenden chinesischen Universitäten. Während China früher primär von der RWTH lernte, findet der Austausch heute zunehmend auf Augenhöhe statt. Auch der Campus der RWTH, auf dem internationale Unternehmen – darunter auch chinesische – Forschung und Entwicklung betreiben, ist beeindruckend. Diese enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft beschleunigt den Innovationsprozess.
Frage: Viele Deutsche haben den Eindruck, dass Chinas langfristige Planung einfacher umzusetzen ist. China profitiere von offenen ausländischen Märkten, öffne seinen eigenen Markt aber nur eingeschränkt. Wie reagieren Sie auf diese Kritik?
Antwort: Wir verstehen die Sorgen der deutschen Gesellschaft bezüglich des wirtschaftlichen Wettbewerbs und bestehender Unsicherheiten. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umstrukturierungen. Vor dreißig Jahren dominierten wenige Industrienationen die globalen Wertschöpfungsketten; heute haben viele Länder, darunter China und Staaten des Globalen Südens, aufgeholt. Dass dadurch der Wettbewerb steigt, liegt in der Natur der Sache. Deutschland steht vor wirtschaftlichen Herausforderungen, verfügt jedoch über eine exzellente industrielle Basis, herausragende Forschungseinrichtungen, hochqualifizierte Fachkräfte und eine enorme Innovationskraft. Es gibt allen Grund, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.
Die globale Wirtschaftslandschaft hat sich verändert, und Deutschland steht nicht mehr automatisch an der Spitze. Die jüngere Generation muss sich dem fairen Wettbewerb mit internationalen Mitbewerbern stellen. Hinzukommen geopolitische Krisen, wie die US-Zollpolitik oder Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine, die die Lieferketten belasten. Gestiegene Energiepreise und Lebenshaltungskosten in Europa führen verständlicherweise zu Unmut in der Bevölkerung. Diese Sorgen sind jedoch das Ergebnis vieler komplexer Faktoren und können nicht einfach China angelastet werden. China hält an seiner Politik der Öffnung fest – unsere Türen werden sich weiter öffnen, um Entwicklungschancen mit der Welt zu teilen.
Durch Fünfjahrespläne greift China Trends auf und formuliert langfristige Strategien. Beim Thema Energiewende investiert China massiv in Solar-, Wind- und Wasserkraft, um die Resilienz gegenüber internationalen Krisen zu stärken. Unser Ziel ist es, Teil der Lösung zu sein, nicht des Problems. Auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt und Gleichberechtigung wollen wir die Zusammenarbeit mit Deutschland vertiefen.
Frage: In Europa wächst die Befürchtung, zwischen den Interessen Washingtons und Pekings aufgerieben zu werden. Welche Rolle kommt Europa aus chinesischer Sicht zu?
Antwort: Die Beziehungen zwischen China und den USA gehören zu den wichtigsten bilateralen Beziehungen der Welt. Eine konstruktive und strategisch stabile Beziehung zwischen beiden Staaten ist auch für Europa und Deutschland von großer Bedeutung. Kein Land sollte gezwungen werden, sich zwischen China und den USA entscheiden zu müssen. In einer global vernetzten Wirtschaft bleibt Europa ein unverzichtbarer Partner für China. Die chinesisch-deutschen und chinesisch-europäischen Beziehungen basieren auf gegenseitigem Nutzen und pragmatischer Kooperation; wir betrachten sie als gemeinsame Chance.
Frage: Zur Pressefreiheit in China wenden Kritiker ein, Medien sollten die Macht kontrollieren und nicht politische Ziele unterstützen. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Regierung und Medien?
Antwort: Meines Erachtens gibt es in jedem Land Regulierung und Aufsicht über Medien. Blickt man auf die Debatten in den USA, sieht man ebenfalls Spannungen zwischen Regierung und Presse. Journalisten erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Sie hinterfragen politische Entscheidungen und begleiten Entwicklungsprozesse. Das ist weltweit so. Der Unterschied liegt eher in den Erwartungen an die Medien. In China sollen Medien nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch Zuversicht vermitteln, gesellschaftliche Entwicklung fördern und Orientierung bieten.
Die Pressefreiheit ist in China gesetzlich geschützt, stößt jedoch wie überall an Grenzen. Auch in Deutschland schaffen es Auffassungen, die stark von der gesellschaftlichen Akzeptanz abweichen, nur schwer in den öffentlich-rechtlichen Mainstream.
Frage: Was möchten Sie den Menschen in NRW sagen, die China gegenüber skeptisch eingestellt sind?
Antwort: Wir möchten nicht nur als Vertreter eines fernöstlichen Landes wahrgenommen werden, sondern als Partner auftreten – offen, ehrlich und freundlich. In dem Jahr, das ich nun in NRW bin, habe ich den Austausch mit Städten, Unternehmen, Universitäten und Institutionen sehr zu schätzen gelernt. Ich blicke mit großem Optimismus auf die Zukunft der Beziehungen zwischen China und Nordrhein-Westfalen.
